Experten sagen JA! zu holzbasierten Cellulosefasern

#ItsInOurHands im Gespräch mit Dipl.-Phys.Ing. Michael Carus vom nova-Institut

Michael Carus | Copyright: nova-Institut GmbH

Rund 130 Millionen Tonnen Plastik landen laut Plastikatlas von Global 2000 weltweit pro Jahr in Gewässern und Böden. Als Gegenmaßnahme hat die Europäische Kommission im Vorjahr die Einwegplastik-Richtlinie („Directive (EU) 2019/904 of the European Parliament and of the Council of 5 June 2019 on the reduction of the impact of certain plastic products on the environment“) verabschiedet – mit der Intention, den Einsatz von Plastik zumindest bei Einwegprodukten einzuschränken. Das geschieht einerseits, indem bestimmte Einwegprodukte wie Strohhalme aus Plastik ab 2021 nicht mehr vermarktet werden dürfen. Andererseits setzt die Richtlinie auf Bewusstseinsbildung und gesteigerte Transparenz. Deshalb tritt bei Feuchttüchern und Damenhygiene-Produkten aus Plastik ab diesem Zeitpunkt eine einheitliche Kennzeichnungspflicht für Einwegplastik in Kraft. 

Derzeit arbeitet die EU-Kommission an einer klaren Eingrenzung des Begriffs „Plastik“, da bisher noch nicht eindeutig geregelt ist, welche Materialien tatsächlich als Plastik definiert sind. Kurz bevor die Entscheidung gefällt wird, ob holzbasierte Cellulosefasern in den Plastiktopf geworfen werden, führte #ItsInOurHands ein Interview mit Dipl.-Phys.Ing. Michael Carus, Physiker, Mitbegründer und Geschäftsführer der nova-Institut GmbH. Carus ist bereits seit 20 Jahren im Bereich bio-basierte Ökonomie aktiv.

 

Herr Carus, zunächst vielen Dank für die Gelegenheit zum Gespräch. Vielleicht darf ich mit einer persönlichen Frage einsteigen: Studium der Mathematik und Physik, dann einige Jahre Systemmanager in der IT, und dann die Spezialisierung auf die bio-basierte Ökonomie. Führte da eines zum anderen, oder haben Sie einfach Ihre Pläne mehrfach über den Haufen geworfen?

Dipl.-Phys.Ing. Carus: Das hat schon seine Kontinuität. Ich habe, genau genommen, Kernphysik studiert, hab dann aber schon während des Studiums alternative Energien wie Solar und Wind verfolgt, und wenn man da sieht, dass bei Biokraftstoffen etwa nur 0,3 Prozent der Solarenergie im Treibstoff landen, tut das als Physiker weh. Und dann sucht man halt ständig nach besseren Themen. Mittlerweile machen wir auch nicht mehr nur in Bio-Ökonomie, sondern sind auf dem Gebiet der erneuerbaren Kohlenstoffe tätig, das ist bio, CO2-Direktnutzung und Recycling. Wir müssen einfach vom fossilen Kohlenstoff weg.

Das heißt also, Sie schlagen die Brücke zwischen Ökologie und Ökonomie, haben ein Auge auf die Effizienz und das andere auf der Umwelt.

Dipl.-Phys.Ing.​​​​​​​ Carus: Das sind ja die drei Standbeine der Nachhaltigkeit: Ökonomie, Ökologie und Soziales. Wir arbeiten also mit Unternehmen, aber auch für die Politik und für NGOs. Wir sind so eine Art Bindeglied zwischen den Welten.

Im Vorjahr hat die EU Kommission die Richtlinie (EU) 2019/904 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 5. Juni 2019 über die Verringerung der Auswirkungen bestimmter Kunststoffprodukte auf die Umwelt (Einwegplastik Richtlinie) auf den Weg gebracht, mit der Intention, den Einsatz von Einwegplastik zu reduzieren. Wie gut ist das Vorhaben denn aus Ihrer Sicht gelungen?

Dipl.-Phys.Ing.​​​​​​​ Carus: Das ging alles sehr schnell und ich halte es auch für verfehlt, Kunststoff generell zu verteufeln.

Aber das wohl nicht unbedingt bei Wegwerfprodukten, sondern im Wege der Kreislaufwirtschaft. Dass wir jetzt keine Plastiktaschen mehr im Handel haben, ist doch gut, und die Menschen verwenden jetzt Mehrwegtaschen.

Dipl.-Phys.Ing.​​​​​​​ Carus: Da stellt sich aber auch die Frage, um wie viel die Energiebilanz bei einer Baumwolltasche schlechter ist. Ich müsste diese laut Studien 200mal verwenden, um eine bessere Bilanz zu haben. Auch hier gilt es, kühlen Kopf zu bewahren und richtig zu rechnen. Oder wenn ich mir diese schweren Glastiegel in der Kosmetikindustrie ansehe, die mit enormem Energieaufwand hergestellt werden und die dann weggeworfen werden, dann ist das Bild vom guten Glas auch trügerisch. Ich darf hier den deutschen Ex-Kanzler Helmut Schmidt zitieren, der zwischen zwei Formen der Ethik differenziert hat: der Gesinnungsethik, also das was die Menschen aus dem Bauch heraus für richtig halten, und der Verantwortungsethik, der sich die Politik verschreiben muss, weil sie immer auch an die Konsequenzen zu denken hat. Ich müsste also darauf hinarbeiten, den Kreislauf möglichst überall zu schließen, das mache ich aber nicht mit Materialverboten.

Hinzu kommt, dass man als Konsument vielfach gar nicht weiß, woraus die Produkte sind. Wir haben zum Thema Feuchttücher unter dem Titel „ItsInOurHands“ einen Initiative gestartet, um darauf aufmerksam zu machen, dass, wie wir heute wissen, über 80 Prozent von Babyfeuchttüchern am deutschen Markt erdölbasiertes Plastik enthalten ist, und das auch noch mit teils sehr hohem Anteil.

Dipl.-Phys.Ing.​​​​​​​ Carus: Feuchttücher sind sicher Produkte, bei denen der Verbraucher dann meint, dass sei doch einfach nur Zellstoff oder Zellulose und sei daher kein Problem. Derzeit bestehen die Feuchttücher aber zum Großteil aus erdölbasierten Rohstoffen. Wenn man die gleichen Produkteigenschaften mit alternativen, holzbasierten Cellulosefasern wie Lyocell oder Viscose auch hinbekommt, sollte man das natürlich tun. Wenngleich noch gar nicht klar ist, ob diese als Alternative zu Plastik gelten werden. Man hat ja die biologische Abbaubarkeit bei der Plastikdefinition überhaupt nicht mit einbezogen, weil man die Ansicht vertreten hat, die derzeitigen Kennzeichnungen, Labels und Zertifikate sind wissenschaftlich noch nicht solide genug. Die Frage ist, ob das stimmt, weil es mit TÜV und einigen anderen durchaus gute Zertifizierungen gibt. Dass schon mal von Nutzen wäre, diese zu verwenden und dann zu verbessern, mag sein, aber das hat man ja gar nicht in Betracht gezogen.

Und nun könnte es tatsächlich passieren, dass holzbasierte Cellulosefasern von der EU-Kommission als Plastik kategorisiert werden?

Dipl.-Phys.Ing.​​​​​​​ Carus: Die Gefahr besteht leider. Nun gut, die Fasern unterliegen einem mehrstufigen Verarbeitungsprozess aus dem natürlichem Polymer Cellulose. Aber holzbasierte Cellulosefasern sind zu 100 Prozent biologischen Ursprungs und auch zu 100 Prozent biologisch abbaubar. Da gibt es so viele Ungereimtheiten und es könnten unzulängliche Vereinfachungen gemacht worden.

Nun verbietet und beschränkt die EU in ihrer Direktive den Einsatz von Einwegplastik, bringt sie das nicht auch in die Verantwortung, Alternativen aufzuzeigen oder zu fördern?

Dipl.-Phys.Ing.​​​​​​​ Carus: Vorweg möchte ich schon die Dimension zurechtrücken: Verboten werden gerade einmal acht Produkte, und insgesamt sind von den Maßnahmen vielleicht zwei Prozent aller verwendeten Kunststoffe betroffen. Aber ich stimme Ihnen zu, es ist nicht sehr verantwortungsvoll, weil man zu wenige Aspekte betrachtet hat. 90 Prozent der klimarelevanten Emissionen entstehen dadurch, dass neuer fossiler Kohlenstoff aus dem Boden geholt und in Umlauf gebracht wird. Dem Aspekt, hier eine Reduktion zu erreichen, wird von der Einweg-Plastik-Richtlinie aber gar nicht adressiert. Was es braucht, sind auch nicht pauschale Verbote, sondern optimale Lösungen für jeden einzelnen Bereich.

Ich darf den Fokus nun ein wenig auf unsere Initiative und das Thema Plastik in Feuchttüchern verlagern. Wir fanden es gleichermaßen überraschend wie erschreckend, dass 28 von 33 handelsüblichen Babyfeuchttücher am deutschsprachigen Markt laut einem TÜV-Test zu 85 Prozent Polypropylen, Polyester und andere fossile Grundstoffe enthalten, und das sogar mit einem Anteil von teils weit über 80 Prozent. Und die Konsumentinnen wissen das gar nicht, weil die Information zum eingesetzten Fasermaterial üblicherweise nicht auf der Verpackung steht. Da wäre es doch zweifellos der richtige Schritt, biologisch abbaubaren Fasern wie der holzbasierten Cellulose den Vortritt zu geben.

Dipl.-Phys.Ing.​​​​​​​ Carus: Holzbasierte Cellulose ist natürlich ein genialer Stoff, ganz fantastisch, was man daraus machen kann. Die schnell abbaubaren Polymere können eine gute Ergänzung sein.  Die Welt ist allerdings nicht so einfach: In manchen Bereichen sind Kunststoffe eindeutig überlegen, in anderen – wie etwa bei Feuchttüchern –  brauchen wir sie nicht.  Auch im Textilbereich etwa ist es meiner Überzeugung nach nicht nötig, einen derart hohen Anteil an synthetischen Fasern zu haben, da könnten wir sicher 50 oder 60 Prozent aus Cellulosefasern machen. Ich glaube auch, dass sich holzbasierte Cellulosefasern insgesamt noch weiter ausbreiten werden, die Eigenschaften werden immer besser, und so hoffe ich auch, dass die Kommission hier die Tür aufmacht und den Einsatz in Einwegprodukten als nachhaltige Alternative anerkennt und damit den Weg ebnet, dass fossile Kunststoffe hier nicht mehr eingesetzt werden.

Vielen Dank für dieses schöne Schlusswort – und das Gespräch.

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